Failst du noch oder lernst du schon?

Heute möchte ich gerne einen Blick auf die Zusammenhänge zwischen Fehlern, Lernen und das Führen von Teams werfen. Dabei soll es darum gehen, wie Fehler unseren Alltag beeinflussen (positive sowie negative), und wie eine gesunde Einstellung zu Misserfolgen sowohl in der persönlichen Entwicklung, als auch bei dem Führen und Entwickeln von Mitarbeiter hilfreich sein kann. 

Los geht’s …

Lernen

Als ich anfing mich mit diesem Thema zu beschäftigen, spukte mir das Wort “Lernen” im Kopf rum. Lernen – eigentlich ein ganz banaler Begriff. Lernen ist schließlich etwas, was wir täglich tun. Oder etwa nicht?

Um mich mit diesem Begriff etwas vertrauter zu machen, schaute ich mir an, was die freundlichen Leute von Wikipedia darüber zu schreiben haben. Dort wird Lernen definiert als 

“Unter Lernen versteht man den absichtlichen und den beiläufigen Erwerb von Fertigkeiten.”

Aha, also im Grunde handelt es sich bei dem Prozess des Lernens um den Erwerb von Fähigkeiten, der entweder intentional, als absichtlich und gezielt, oder implizit (nebenbei) bzw. inzidentell (zufällig) erfolgen kann. 

Beim ersteren Lernverhalten wird der Lernprozess entweder durch einen selbst oder durch eine andere Person ausgelöst. Nimmt man beispielsweise ein Fachbuch zur Hand, um sein Wissen über die neuesten Erkenntnisse in der Quantenmechanik aufzufrischen, so spricht man von intentionalem Lernen. Ebenso verhält es sich in der Schule, wenn der Lehrer einen bittet eine Kurvendiskussion für die Aufgabe auf Seite 43 durchzuführen. In beiden Fällen wird der Impuls zum Lernen durch jemanden direkt ausgelöst.

Der beiläufige Erwerb von Fähigkeiten kann entweder inzidentell oder implizit geschehen. Hierbei erfolgt das Lernen zufällig oder beiläufig. Kinder beispielsweise lernen das Laufen oder das Sprechen auf diese Weise.

Auch andere motorische Fertigkeiten wie das Radfahren werden auf diese Weise erworben, denn das Radfahren wird nicht nur durch den reinen Wunsch erlernt, sondern durch das implizit gelernte Zusammenspiel von Gleichgewichtssinn und verschiedener Muskelgruppen, die dann letztendlich (häufig erst nach mehreren Anläufen und Fehlversuchen) zum gewünschten Verbleib auf dem Sattel führen. 

Vielleicht erinnert sich auch der ein oder andere an seine erste schmerzhafte Erfahrung mit einem heißen Ofen, bei der man herausfand, dass die Kochstelle nicht nur köstliche Plätzchen produzieren, sondern auch höllisch wehtun kann. Ein klassisches Beispiel für eine nicht beabsichtigte, also inzidentelle, Erfahrung. 

Schauen wir uns diese Beispiele an, so lässt sich das Lernen auch in zwei andere Kategorien unterteilen, nämlich das Lernen von anderen und das Lernen aus eigenen Fehlern. Nehmen wir nämlich ein Buch in die Hand, um beispielsweise mehr darüber zu lernen, wie man ein guter Maler wird, so lernen wir in der Regel aus den Fehlern von anderen. Vermutlich werden wir einige Sachen aus diesem Buch in der Praxis anwenden können und so vermeiden eigene Fehler zu machen. Wir können aber auch selbst Leinwand und Farben kaufen und einfach drauf loslegen und eigene Erfahrungen sammeln (und vielleicht später ein Buch darüber schreiben. 

Wir können also unser eigenes Wissen erweitern, indem wir auf den Erkenntnissen von anderen aufbauen oder aber unsere eigenen Erfahrungen machen, also aus unseren eigenen Fehlern lernen. 

Fehler

Aber was ist eigentlich so ein Fehler? Umgangssprachlich etwas, was “falsch gelaufen ist”. Ok, soweit klar. Aber gibt es möglicherweise auch eine präzisere Erläuterung? Schauen wir doch auch hier auf verbreitete Definitionen. Die Wikipedia definiert einen Fehler als:

Ein Fehler ist die Abweichung eines Zustands, Vorgangs oder Ergebnisses von einem Standard, den Regeln oder einem Ziel

Einem Fehler ist es also zu eigen, dass er von einer vordefinierten Erwartung abweicht. 

Ganz ähnlich sieht es auch die DIN EN  ISO 9000, also die Deutsche Industrie Norm, welche die Begrifflichkeiten für das Qualitätsmanagement festlegt. Auch hier ist die Rede von einer Nichterfüllung, also eine Abweichung von einer vorgegebenen Sache. 

“Merkmalswert, der die vorgegebenen Forderungen nicht erfüllt”

Um dem Fehler-Begriff noch etwas näher zu kommen, warf ich einen Blick in den Deutschen Duden, um herauszufinden, welche Wortkombinationen im Zusammenhang mit Fehlern auftauchen. Ich schaute einige Minuten über die Begriffe, las Wortzusammensetzungen und versuchte zu verstehen was dahinter steckt. Interessanterweise passierte etwas mit mir, je mehr ich durch über die Begriffe las, die die Suche mir angezeigt hatte. 

Lust auf ein kleines Experiment? Dann nehmt euch doch einmal einen kleinen Moment und betrachtet euch das nächste Bild. Schaut auf das Wort in der Mitte: Fehler. Am besten lest ihr es laut vor. Und dann lasst euren Blick nach außen schweifen und betrachtet euch die anderen Begriffe. Sagt sie euch ebenfalls im Kopf auf oder sprecht sie laut aus. 

Und? Ist etwas passiert?

Nun, ich weiß natürlich nicht, ob etwas, oder was gerade mit euch passiert ist, aber ich kann euch kurz beschreiben, was ich an mir wahrgenommen hatte, als ich was Wort “Fehler” für längere Zeit in meinem Kopf hatte kreisen lassen:

Ich hatte ein richtig schlechtes Gefühl in der Magengegend, so ein wenig wie eine schlimme Vorahnung, die einen beschleicht, oder als man hätte etwas falsch gemacht. Seltsam, dass schon allein die bloße begriffliche Auseinandersetzung mit dem Scheitern einen Effekt auf das aktuelle Empfinden hat. Warum ist das so? Beziehungsweise: Ist das überhaupt so?

Nach dem Psychologen Dr. Martin Seligman besitzt der Mensch ein “katastrophisches Gehirn”, also eines, welches auf Katastrophen, oder die Vermeidung eben jener programmiert ist. Was etwas populärwissenschaftlich klingt, lässt sich aber ganz gut durch den Blick auf die menschliche Entwicklungsgeschichte erklären. 

Als unsere Vorfahren noch als Jäger und Sammler durch die Welt zogen, waren sie von zahlreichen Gefahren umgeben. Verfeindete Stämme wollten einem ans Leder, wilde Tieren sahen nicht den Menschen, sondern eine leckere Mahlzeit und giftige Früchte und Pilze konnten einem schnell das Leben kosten.

Wer bei der Büffeljagd durch andauernde Ungeschicktheit mit dem Speer glänzte, riskierte zu verhungern oder im Winter zu erfrieren. Wer im Wald nicht nach frischen Spuren wilder Tiere Ausschau hielt, oder diese nicht erkannt, riskierte selbst zum Abendbrot zu werden. Fehler konnten also potentiell tödlich sein. Aus eben jenen Fehlern zu lernen bzw. sie vorherzusehen und zu vermeiden (so sie noch nicht im vorzeitigen Ablehnenden endeten) war also wichtig für das Überleben. 

Diese auf Fehler und Gefahren fokussierte Funktionsweise des Gehirns war damals sinnvoll, konnte es doch dabei unterstützen potentielle Gefahren zu vermeiden.

Doch heutzutage? Prinzipiell leben wir in einer viel sichereren Welt als damals. Doch das Gehirn hat bestimmte Muster noch nicht abgelegt. Laut dem Robert Koch Institut1 lag die Anzahl der an Depressionen erkrankten Menschen im Jahr 2015 – beruhend auf WHO Erhebungen – bei 322 Millionen, also 4,4% der Weltbevölkerung. Deutschland lag mit 5,2% bzw. 4,6 MIllionen Erkrankten sogar über dem Durchschnitt, Tendenz steigend. Die Anzahl der Suizide in Deutschland belief sich im Jahr 2018 auf 93962. Und das sind die offiziellen Zahlen, ohne Dunkelziffer. Negative Gedankenmuster sind weit verbreitet. 

Zusätzlich leben wir in einer Kultur, die von Augenscheinlichkeiten und Oberflächlichkeiten bestimmt wird. Das Augenmerk wird gerichtet auf die Werbeanzeigen und positive Meldungen der anderen in den Sozialen Netzwerken, bei denen immer alles richtig läuft.

Ihr kennt das, oder? Das neidvolle Schielen auf die Perfektion der anderen. Das perfekte Paar, das nur fröhliche Fotos postet. Die Urlaubsfotos von traumhaften Stränden. Die nur in zwei Wochen antrainierten Sixpacks. Und all die anderen unzähligen Sachen, denen mit wir täglich gewollt und ungewollt konfrontiert werden und die einen schalen Beigeschmack bei uns hinterlassen, weil die Beziehung gerade nicht so perfekt läuft, der letzte Urlaub nur auf dem Wohnwagen-Campingplatz in Brandenburg stattfand und das Six-Pack zwar vorhanden, aber unter einer ordentlichen Schicht Bauchfett versteckt ist.  

In einer Welt, in der das Idealbild perfekt ist und die sich zum medialen Narzissmus entwickelt, wird die Abweichung vom Idealbild als falsch betrachtet. Und was macht das dann mit uns? Denn was war noch einmal nach Definition die Abweichung von einem vordefinierten Standard? Richtig, ein Fehler!

Und hat man erst einmal dieses Muster verinnerlicht, kann es schnell zu einer fatalen, sich immer wiederholenden Schlussfolgerung kommen: Ich habe einen Fehler gemacht – ich bin falsch. Das Muster kann sich dann auf die gesamte Fehler-Wahrnehmung eines Menschen ausdehnen. Es kommt zum Selbstzweifel, und Fehler werden nur noch als negativ wahrgenommen. 

Begünstigt wird das Ganze noch durch unser Bildungssystem und unsere Erziehung, die auf das Vermeiden von Fehlern abzielt. Waren wir als Kinder noch Experten darin aus Fehlern zu lernen, ändert sich das Bild, sobald man den Bildungsweg beschreitet. Richtige Antworten werden hier belohnt, falsche mit schlechten Noten bestraft. Erschwerend kommt noch hinzu, dass man jetzt stärker dem Vergleich mit anderen ausgesetzt ist und zusätzlich in ein Raster gesteckt wird. Das System kategorisiert nach Einsenschreibern und Sitzenbleibern. Schon in den ersten Klassen werden wir in Schubladen gesteckt 1, 2, 3, 4, 5, ungenügend. Kurze Zeit später lernen wir dann was ein Durchschnitt ist … und auch ab wann man unter diesem liegt. 

Und nun, was jetzt? Nun, prinzipiell könnte man anfangen nicht jeden Fehler als negativ zu betrachten. Denn nicht jede Abweichung von einem existierenden Standard muss unbedingt schlecht sein. Gäbe es keine Abweichungen, bewußt oder unbewußt, würden wir die Erde heute noch als Scheibe betrachten, die auf vier Elefanten ruht, welche von einer riesigen Schildkröte getragen werden – Au Backe!

Amerika wäre nicht, oder vermutlich viel später, entdeckt worden, wenn Christoph Kolumbus nicht fälschlicherweise (mehrere tausend Kilometer) von seinem eigentlichen Ziel Indien zu entdecken abgewichen wäre. 

Das entwickelte Herzmedikament Sildenafil war als ebensolches nicht wirklich zu gebrauchen, hatte aber eine ganz andere Nebenwirkung – es sorgte bei vielen männlichen Patienten für eine erhebliche Verbesserung der Erektion. Ohne diese “Abweichung von den vorgegebenen Forderungen” würde das Medikament Viagra heute nicht in den Apotheken erhältlich sein. 

Und wo stünde der Menschen, wenn es keine spontanen Mutationen in der Evolution gäbe? Ganz richtig, es gäbe uns gar nicht. Das Leben, so es denn überhaupt entstanden wären, würde sich auf wenige Einzeller in den Ozeanen konzentrieren. 

Wenn einem also ein Fehler unterläuft, ist das erst einmal kein Grund sich schlecht zu fühlen. Fehler können negative Konsequenzen nach sich ziehen, müssen es aber nicht. Und manchmal kommt es dann auch auf die Betrachtungsweise an. Aber eines ist ganz wichtig zu verstehen. Es kann durchaus passieren, dass man etwas falsch macht, aber das bedeutet noch nicht, dass man selbst falsch ist. 

Der Dalia Lama sagte einmal sinngemäß: 

Sei dankbar für die schwierigen Dinge, die dir im Leben widerfahren, denn sie ermöglichen dir daran zu wachsen.

In diesem kurzen Satz steckt eine Menge Weisheit für den Aufbau eine eigene positiven Fehlwahrnehmung. Denn ob man einen Fehler als vernichtendes Eingeständnis für die eigene Unfähigkeit, oder als  Herausforderung für die Verbesserung der eigenen Fähigkeiten nimmt, liegt in vielen Fällen nur an der Betrachtungsweise. Denn Dinge passieren, ob man möchte oder nicht.

Der Vorgesetzte, der einen zur Weißglut treibt, weil er wöchentlich seine Meinung ändert, einem die eigenen Fehler in die Schuhe schiebt und Mitarbeiter schikaniert, kann als Grund gesehen werden, warum der eigene Arbeitsplatz die Hölle auf Erden ist. Er kann aber auch als Chance verstanden werden seine eigene Resilienzen aufbauen zu können. Denn nur durch ihn, hat man die Möglichkeit seine Grenzen zu testen und zu erweitern und Techniken auszuprobieren, um selbst in solchen Situationen sein Lächeln nicht zu verlieren. 

Und genauso verhält es sich mit Fehlern. Egal ob groß oder klein sind sie eine Möglichkeit seine eigenen Erfahrungen und Verhaltensweisen zu hinterfragen und womöglich das ein oder andere zu finden, um neue Fertigkeiten zu erwerben. Wir täten gut daran Fehler wieder wie Kinder zu sehen, nämlich als ganz natürliche Ereignisse, deren Überwindung einen weiterentwickeln lassen. Durch diese Betrachtungsweise (und ja, das ist nicht immer einfach) kann man eine positive Sicht auf Fehler entwickeln. Denn wer aus “Ich habe einen Fehler gemacht – ich bin falsch” ein “Ich habe eine Fehler gemacht – dadurch kann ich besser werden” macht, kann auch seine eigene Wahrnehmung erheblich zum positiven verbessern. 

Führen

Aber was hat das jetzt mit dem Führen von Menschen zu tun?

Ganz einfach: Wer sich nicht selbst führen kann, kann auch keine anderen führen. Oder im Kontext dieses Artikels: Wer seine Fehler nicht als Möglichkeit zur eigenen Verbesserung betrachtet, kann dies auch anderen nicht beibringen. Macht Sinn oder? 

Aber braucht man überhaupt eine positive Fehlerkultur im Team? 

Ich behaupte, ja. Denn was passiert, wenn Mitarbeiter im Team sich nicht trauen Fehler zu machen? Dann werden Mitarbeiter unsicher, probieren Dinge nicht aus, bringen sich nicht ein. Ein Mitarbeiter, der für Fehlleistungen bloßgestellt oder bestraft wird, wird versuchen Missgeschicke unter den Tisch zu kehren. Es kommt zu einer klassischen Vermeidungsstrategie. In der Konsequenz werden Dinge vor dem Lead oder sogar anderen Teammitgliedern verheimlicht. Fehler dürfen halt nicht passieren, also lässt man sie verschwinden. Der Lead verliert dann die Beziehung zum Team. Entscheidungen bleiben allein an ihm haften. 

Klingt das nach den autonomen Teams in denen sich die Mitarbeiter mit Leidenschaft und Potential einbringen und wir von dem Wissen aller, der kollektiven Zusammenarbeit, profitieren? Wohl eher nicht!

Es gibt einen alten Spruch, der da sagt,: 

“Niemand der jemals für eine Lüge geschlagen wurde, hat dadurch die Wahrheit lieben gelernt.”

Und das gleiche gilt auch für Fehler, denn: 

“Niemand der jemals für einen Fehler bestraft wurde, hat dadurch das Lernen lieben gelernt”

Und nicht nur, dass eine negative Fehlerkultur das Team hemmt und seine Produktivität einschränkt, wir als Führungskräfte sind auch dafür verantwortlich unsere Mitarbeiter weiterzuentwickeln. Und welches bessere Mittel gäbe es dafür, als unsere Mitarbeiter kontrolliert scheitern zu lassen und ihnen dadurch beim Lernen zu helfen? Eben!

Aber wie baut man nun eine positive Fehlerkultur auf, in der Mitarbeiter das Scheitern als potentiellen Anreiz zur Verbesserung nehmen?

Nun, die Grundzutaten sind prinzipiell keine anderen als die guten Leaderships: Vertrauen, Motivation, Vorbildfunktionen, Authentizität, psychologische Sicherheit und das richtige Mindset.

Aus meiner Erfahrung ist man gut beraten, wenn man gar nicht auf die Fehlerkultur fokussiert, sondern auf das Team und deren Entwicklung. Die positive Fehlerkultur entsteht dann von ganz allein. Meist gehen eine gesunde Team-Atmosphäre und eine positive Fehlerkultur Hand in Hand. Schauen wir doch einmal im Folgenden was man tun kann, um beides zu fördern. 

Psychologische Sicherheit – Wichtig ist es vor allem ein positives Umfeld zu erzeugen in dem die Mitarbeiter sich psychologisch sicher fühlen. Denn nur wer weiß, dass er für Fehler nicht bestraft wird, wird sich trauen Risiken einzugehen und seine Komfortzone zu erweitern. Nur dann besteht die Chance aus seinen Fehlern zu lernen. Man sollte also als Vorgesetzter tunlichst vermeiden seine Mitarbeiter für Missgeschicke zu schelten. Besonders nicht vor der versammelten Mannschaft. 

Zusätzlich sollte man sensibilisiert dafür sein, wenn Mitarbeiter untereinander mit dem Finger aufeinander zeigen. Hier sollte man unverzüglich durch sofortiges Agiren klar machen, dass Fehler passieren dürfen und jedem ein Fehler unterlaufen kann. Durch zeitnahes Einschreiten sendet man die Botschaft, dass es vollkommen ok ist Fehler zu machen. Zusätzlich merken die Mitarbeiter, dass der Vorgesetzte sich bei Missgeschicken sogar schützend vor sie stellt, was sie im Umgang mit dem Fehler sicherer werden lässt. 

Außerdem erzeugt man dadurch die Erkenntnis, dass das Thema “Fehler” im Team nicht tabuisiert wird und offen besprochen werden darf. Dies kann einem Vertuschen oder Ignorieren von Fehlern entgegenwirken. 

Wir-Kultur: Als hilfreich hat es sich zusätzlich erwiesen eine Wir-Kultur zu schaffen. Es heißt dann beispielsweise: “Wir haben dieses Ziel erreicht” oder “Wir haben es nicht geschafft”. Versucht man aus Fehlern zu lernen, spricht man dann von “Was können wir machen, um dieses oder jenes zu erreichen?”

Durch die verbale Integration vermeidet man die Separierung zwischen Lead und Mitarbeiter. Es wird klar gemacht. “Wir sind alle gleich.” Das hat einen starken Effekt auf die Vorbildfunktion, denn wenn wir alle gleich sind und der Lead Fehler machen darf, dann darf ich das auch. 

Das ist doch selbstverständlich, denkt ihr euch? Sollte es sein. Doch die Praxis zeigt, dass es immer wieder Vorgesetzte gibt, die von einem “ihr” reden, und sich dadurch mehr oder weniger bewußt auf eine andere Stufe stellen als das Team. 

Regeln – Ein weiteres Mittel um emotionale Sicherheit im Team zu erzeugen sind aus meiner Erfahrung Regeln. Klingt komisch, oder? Regeln engen einen doch ein, verbieten einem Dinge oder zwingen einen sich an etwas zu halten. Wie soll das helfen sich sicher zu fühlen, wenn man überwacht wird?

Ganz einfach: Die Regeln müssen aus dem Team kommen und gemeinsam entstehen. In meinem aktuellen Team haben wir eine Vielzahl von Regeln. Die wenigsten aber kommen direkt von mir. Sie entstehen meistens dadurch, dass ein Teammitglied einen Verbesserungsvorschlag für einen Prozess macht und wir diesen, so er von allen angenommen wird, als Regel manifestieren.


Diese Regeln geben uns im Team Sicherheit. Jeder kann sich auf sie berufen. Sie schaffen einen (selbst gestalteten) Rahmen, in dem wir uns sicher bewegen können. 

Wer mit seinen Teams gerade erst anfängt Regel zu etablieren und nicht so recht weiß, wie er diese Kultur etabliert, ohne dass das Team sich bedroht fühlt, dem kann folgender Tipp helfen: Fangt spielerisch an. 

Vielleicht muss der Mitarbeiter, dem schon wieder ein derbes Schimpfwort entfahren ist, weil der Bug sich noch immer nicht lösen ließ, eine Runde Kuchen schmeißen. Versucht klar zu machen, dass Regeln dafür da sind dem Team einen Halt zu geben, nicht sie zu überwachen. 

Vorbild-Funktion – Ein weiterer Schritt hin zu einer positiven Fehlerkultur ist das Wahrnehmen der eigenen Vorbildfunktion. Fehler passieren, auch dir. Geh offen damit um!

Viele – nicht nur jüngere – Führungskräfte versuchen eigene Fehler nicht zuzugeben, da sie sie als eigene Schwäche ansehen, die es vor dem Team zu verbergen gilt. Schließlich ist man ja Führungskraft und Vorgesetzter und hat keine Fehler zu machen. Das geht nicht selten mit der Angst einher, dass man als Führungskraft nicht mehr respektiert oder vom Team “gefressen” wird, wenn man Fehler offen zugibt. Das ist ein Trugschluss! Als Lead Fehler einzugestehen, Maßnahme aufzuzeigen, wie man sich verbessern kann und diese dann umzusetzen, schafft Vertrauen und fördert die Offenheit der Mitarbeiter eigene Missgeschicke zu thematisieren. Wenn der Lead sich verletzlich zeigt, dann kann man dies (der Mitarbeiter) selber auch tun. 

Wording – “Achte auf das, was du sagst!”, könnte der nächste Tipp lauten. Und eigentlich sagt das schon alles aus. Ihr erinnert euch an das kleine Experiment vom Anfang? Hatte das längere Betrachten der Fehler-Worte auch ein mulmiges Gefühl bei euch erzeugt?

Das passiert unterschwellig ebenso mit euren Mitarbeiter wenn ihr davon redet, dass ihr “den Sprint gefailt habt” oder ihr das Team fragt was sie aus “ihren Fehlern lernen können”. 

Versucht bei eurer Wortwahl das Wort “Fehler” einfach weniger einzusetzen, bzw. es durch positive Formulierungen zu ersetzen. Zum Beispiel könnte man davon reden, dass man “die Sprintziele nicht erreicht hat” oder ihr fragt, was “man beim nächsten Mal besser machen kann”. 

Wo ihr allerdings sehr deutlich und konkret von einem Fehler sprechen solltet ist, wenn ihr selbst einen gemacht habt. Ansonsten könnte der Verdacht aufkommen, ihr versucht euch rauszureden oder euer Missgeschick durch schwammige Formulierungen kleinzureden. Dadurch könnten eure Mitarbeiter misstrauisch werden, ob ihr es mit dem offenen Umgang mit Fehlern wirklich ernst meint. 

Ein gute Mantra, dass ich in meinem Team(s) hier gerne verwende ist der Spruch 

“Sometimes you win, sometimes you learn”

So einfach wie er klingt, hat er doch eine tiefe Wirkung auf den Aufbau einer positiven Fehlerkultur im Team. Wenn ihr diesen (oder ähnliche) Leitsätze in eurem Team etabliert, schafft ihr eine Art Vertrag, auf den sich jeder im Team berufen kann. Wichtig is dann natürlich, dass (besonders) ihr auch danach lebt. 

Ausgewogenheit zwischen Lob und Kritik– Neben der entsprechenden Wortwahl solltet ihr ebenfalls darauf achten, dass ihr eine ausgewogene Balance zwischen Lob und Kritik im Team beibehaltet. Ein häufiger Fehler – der mir selbst schon unterlaufen ist – ist das Team nur für seine Erfolge zu loben, sich aber mit Kritik zurückzuhalten, oder sie ganz wegzulassen.

Aber wer sich mit Kritik zurückhält und das Scheitern nicht thematisiert, riskiert, dass das Team keine Resilienzen aufbauen kann. Kommt es dann doch zu einem größeren Malheur, besteht die Gefahr, dass das Team schwieriger mit der Situation umgehen kann, da es nicht an Fehler gewohnt ist. 

Lasse dein Mitarbeiter Fehler machen – Selbstläufer, oder? Eine positive Fehlerkultur kann nur entstehen, wenn Mitarbeiter Fehler machen. Sonst hat man keine Chance die Kultur zu beeinflussen. 

Aber kennst du das? Dein Team diskutiert über die JSON-Payload der neuen Schnittstelle. Argumente und Ideen werden hin und her geworfen, und du verspürst den inneren Drang einzuschreiten, weil du schon ahnst in welche Richtung die Lösung geht – so wird das definitiv nichts. Hast du schon tausendmal gemacht. 

Und was machst du als guter Manager? Du springst in die Diskussion, verkündest, warum der Ansatz des Teams “falsch” ist und erklärst ihnen wie sie es richtig zu machen haben. Dadurch lernen sie schneller, vermeiden Fehler und können nebenbei gleich noch plastisch erleben, warum du sie anführst und nicht andersrum. 

Falsch! Du lehnst dich zurück, hältst die Klappe, hörst dir die Argumente für die wahrscheinlichste Lösung an und sagst dann,:”Ok, lasst es uns ausprobieren.”

Und das hat drei Gründe. 

Erstens: Egal wieviel Erfahrung du hast, du kannst noch immer falsch liegen. Vielleicht hast du ja ein Detail übersehen, oder steckst nicht so tief in der Materie. Dann würdest du auch noch etwas lernen. Verrückt, oder?

Zweitens: Nur wenn das Team etwas ausprobieren darf, kannst du danach in die Diskussion gehen, ob es gut war, oder eine anderer Ansatz vielleicht besser gewesen wären. Die “Let’s try it out” Mentalität hilft deine Mitarbeiter zu einem selbst-motivierten Team entwickeln, wenn der Forscherdrang nicht unterdrückt, sondern gestärkt wird. 

Drittens: Wenn du deine Mitarbeiter nur mit deinem Wissen führst, dann können sie maximal so gut werden wie du selbst bist. Lässt du sie aber ihre eigenen Fehler machen, dann können sie sich weiter entwickeln, sogar über dich hinauswachsen. 

Natürlich gibt es auch hoch kritische Prozesse, in denen du als Lead mit deiner Erfahrung einschreiten musst, um sicherzustellen, dass beispielsweise Schaden vom Kunden abgewendet wird. Aber seien wir mal ehrlich. Oft führen viele Wege nach Rom, und die wenigsten von uns arbeiten an Software für Herzchirurgen. Wäge also den Kontext ab, und da, wo du deinen Mitarbeitern die Weiterentwicklung durch kontrolliertes Scheitern ermöglichen kannst: Tu es!

Bitte um Rat. Biete Rat an – Wer zeigt, dass er nicht alles weiß (und das tut keine Führungskraft, auch wenn einige so tun), ist authentisch und das schafft zusätzliche Sicherheit. Vergesst nicht welche unglaublich starke Macht die Vorbildfunktion eurer Rolle inne hat. Wenn ihr nach Hilfe fragt, dann werden sich eure MItarbeiter auch trauen nach Hilfe zu fragen. Ihr könnte dann eure Hilfe anbieten und den Mitarbeiter so unterstützen. 

Zeigt ihr keine Lücken in eurem Wissen, so besteht die große Gefahr, dass eure Mitarbeiter das auch nicht tun. Sie wollen ja schließlich nicht schwach in den Augen desjenigen erscheinen, der über ihre Gehaltserhöhung und Weiterentwicklung erheblichen Einfluss hat. 

Überprüfe – Verfechtern des Leaderships wird allgemeinhin nachgesagt, dass sie schlecht im Sammeln und Aufbereiten von Daten sind, wohingegen ihre Kollegen aus dem Management darin wahre – zuweilen übereifrige – Künstler sind. Aber gut, Vorurteile gibt es viele und wir können ja gleich mal mit diesem hier aufräumen. 

Möchtest du eine gesunde Fehlerkultur aufbauen, dann ist ein gutes Bauchgefühl schon einmal eine ordentliche Hilfe, aber du solltest dich nicht ausschließlich darauf verlassen. 

So wie sich Leadership messen lässt, kann auch der Zustand der Fehlerkultur im Team gemessen werden. Ich nutze hierfür u.a. einen vierteljährigen Survey, in dem ich verschiedene Fragen zum Leadership und zur Teamhealth stelle – und auch zur Fehlerkultur im Team. Hauptsächlich konzentriere ich mich dabei auf drei Punkte.

  1. Haben wir eine offene und regelmäßige Feedback-Kultur? Das ist wichtig, um durch die Antworten Rückschlüsse darauf zulassen, ob das Team sich sicher fühlt. Stichwort: Psychologische Sicherheit. 
  2. Ermutigt die Führungskraft die Mitarbeiter neue Dinge auszuprobieren? Wird dies nicht so wahrgenommen, müssen Maßnahmen ergriffen werden, um dies zu ändern, denn Neues auszuprobieren ist ja wie ausgeführt die Grundlage des Lernens und des Scheiterns
  3. Wird es wahrgenommen, dass ich als Führungskraft auch offen dafür bin, dass man mit mir über mein eigenes Fehlverhalten reden darf, und nehme ich dieses Feedback auch an und versuche and meinen Entwicklungsbereichen zu arbeiten?

Lasst mich abschließend noch sagen, dass all die erwähnten Tipps natürlich keine Garantie dafür sind eine erfolgreiche Fehlerkultur aufzubauen. Jedes Team ist anders und bedarf unterschiedlicher Methoden. Die meisten Ideen werden euch aber schon einmal in die richtige Richtung bringen. Probiert es aus. Und sollte es nicht klappen, dann lernt daraus und probiert etwas anderes.

In diesem Sinne: Scheitert, lernt und werdet erfolgreich

  1. https://www.rki.de/DE/Content/Gesundheitsmonitoring/Gesundheitsberichterstattung/GesundAZ/Content/D/Depression/Daten_Fakten/daten_fakten_depressionen_inhalt.html
  2. https://de.statista.com/statistik/daten/studie/583/umfrage/sterbefaelle-durch-vorsaetzliche-selbstbeschaedigung/

Related Posts

2 thoughts on “Failst du noch oder lernst du schon?

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.